7 Marathons in 7 Tagen auf 7 Kontinenten – die World Marathon Challenge
Sie gilt als eine der härtesten Herausforderungen im Ausdauersport weltweit und hat das Potential, wirklich alles von einem Athleten abzufordern, was in ihm steckt und ihn an seine äußersten Grenzen zu führen: die World Marathon Challenge – 7 Marathons in 7 Tagen auf 7 Kontinenten. Die härtesten 168 Stunden, die man erleben kann!
Während man denken würde, es wäre anstrengend, 7 Marathons in 7 Tagen zu laufen, kann ich sagen, dass dies der einfache Teil der Übung ist und mit etwas Training für geübte Läufer und etwas Vorbereitungszeit durchaus machbar ist. Die echte Herausforderung steckt in den 7 Kontinenten weil man zwischen den Läufen nicht ausruhen und sich erholen kann, sondern die Zeit in Bussen, Hallen und Warteschlangen verbringt. Was ich dabei alles gelernt und erlebt habe, wirst Du im folgenden Beitrag erfahren.
Kurzbeschreibung vom eigentlichen Projekt:
Man fliegt in die Antarktis und läuft dort einen Marathon. In dem Moment, wo man die Startlinie überquert, hat man 168 Stunden (7 Tage) Zeit, um auf jedem Kontinent der Erde einen Marathon zu laufen. Man macht das in einem Team von 60 Läufern und 15 Begleitern und fliegt in einem eigens angemieteten Flugzeug von einer Station zur nächsten. Man verbringt die meiste Zeit allerdings nicht mit Laufen, sondern mit Logistik, Flughafen, Nahrungssuche und der verzweifelten Suche nach Ruhe, Schlaf und Erholung. Die Stationen sind nach der Antarktis, Kapstadt in Afrika, Perth in Australien, Dubai in Asien, Madrid in Europa, Fortaleza in Südamerika und Miami in Nordamerika. Man verbringt (ohne An- und Abreise) über 65 Stunden im Flugzeug, mehr als 33 Stunden in Bussen, Flughäfen und Warteschlangen und rennt 295,4 km (7 Marathons á 42,2 km) in allen Klimazonen der Erde in einer Woche.
Als erstes stellt man sich natürlich die Frage: Wie kommt man auf so eine Idee?
Als ich im Juni 2024 von meiner erfolgreichen Besteigung des Mt. Everest zurückgekommen bin, hatte ich spontan die Idee, mich für den Berlin Marathon im September 2024 anzumelden. Ich habe mir dabei nicht viel gedacht – wie so oft bin ich sehr naiv an die Sache ran gegangen und es war mir nicht bewusst, was ein Marathon ist. So habe ich mir einen Trainingsplan aus dem Internet heruntergeladen und habe angefangen zu laufen. Das Training erschien mir anstrengend, weil ich Anfänger war und jeder Longrun (nennt man Trainingseinheiten bei denen man mehr als 20km am Stück rennt), war ein Riesen Ding aber ich habe dem Prozess vertraut und bin in Berlin angetreten. Ich war stolz darauf und habe HIER berichtet.
Ich bin noch am selben Tag nach Hause geflogen und habe schon gemerkt, dass mir die Beine in den nächsten Tagen weh tun werden. Trotzdem bin ich am nächsten Tag nach Bali in Indonesien geflogen. In Singapur musste ich umsteigen und habe ernsthaft darüber nachgedacht, einen Rollstuhl anzufordern. Ich hatte solche Schmerzen in den Beinen und meinem Rücken, dass ich kaum gehen konnte. Ich hab meinen Körper komplett überlastet und es maßlos übertrieben weil ich keine Ahnung von dem hatte, was ich hier angerichtet habe.
In Bali hatte ich ein Hotel, bei dem ich in den ersten Stock gehen musste. Eine Treppe war ein schier unüberwindbares Hindernis in diesen Tagen und ich habe wirklich gelitten und mir geschworen, dass ich sowas nie wieder im Leben machen werde!
Der Grund für meine Reise nach Bali war ein weiteres Abenteuer. Ich wollte in ein paar Tagen mit einem internationalen Team die seit vielen Jahren gesperrten Carstensz Pyramiden im Norden von Papua besteigen. Der Berg zählt zu den 7 Summits und wir waren eines der ersten Teams, die nach vielen Jahren ein Permit bekommen haben.
Mit Müh und Not fand ich meinen Weg in die Lobby, wo sich 3 Tage nach meinem Lauf in Berlin, das Team traf und ich viele neue Abenteurer kennen lernte. Wie immer, stellt man sich vor, redet etwas und lernt sich kennen. Es ist alles stressfrei und locker, weil für die Details in den kommenden Tagen genug Zeit ist. Wir haben uns auf fast 2 Wochen gemeinsame Zeit in Indonesien eingestellt und sind alles locker angegangen.
Ich unterhalte mich dann mit Frank aus USA und er erzählt mir, dass er schon viele Marathons gelaufen sei. Er erzählte stolz von Abenteuer Marathons und den großen Städten der Welt, und so weiter.
Stolz, wie ich war, erzählte ich ihm von meinem ersten Marathon und meiner Zeit, von 3:33:00 und daraufhin sagt er ganz nebenbei: „Wow, Du hast wirklich Talent…“
Das war Musik in meinen Ohren, zumal ich ihn für einen Experten für Marathons hielt. Er fütterte mein Ego mit Kraftnahrung, womit es förmlich aufblühte und praktisch schon wieder vergaß, dass ich sowas eigentlich nie wieder machen würde. Dann erzählte er mir von seinen wildesten Abenteuermarathons und dass die 777 Challenge das verrückteste von allen war. Ich ließ mir erklären, was die 777 Challenge ist und meine Augen glänzten sofort
Ich war sofort begeistert wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum. Obwohl ich im Moment nicht einmal über den Parkplatz rennen hätte können – geschweige denn einen weiteren Marathon zu laufen, obwohl ich schon 3 Tage Pause gemacht habe, sagte ich zu mir: „Das ist es – das kann ich auch!“
Man muss schon sehr naiv sein, um so zu denken. Jeder Läufer weiß, dass man sowas nicht in ein paar Monaten einfach trainieren kann. Ich wusste aber nichts und hatte keine Ahnung davon und damit hatte ich keine Grenzen im Kopf. Ich bin ins Zimmer gegangen und konnte wegen Jetlag nicht schlafen und so habe ich den Veranstalter recherchiert und ihm eine Mail mit nur einer Frage geschickt: „Gibt es im Flugzeug Business Class sitze, in denen ich schlafen kann?“
Die Antwort kam schon 2 Stunden später und noch unter Schmerzen, mit denen ich kaum eine Straße schnell überqueren konnte, meldete ich mich an, überwies direkt die 50.000,- Dollar Gebühr und hatte nun 16 Monate Zeit, mich darauf vorzubereiten.
Ich kann dazu nur sagen: So muss man alles im Leben machen! Bekommt man eine Chance, muss man sie annehmen und dem Universum und sich selbst einfach vertrauen, dass man alles lernen wird, was notwendig ist, um das Ziel zu erreichen.
Oder anders gesagt: Man kann nur lernen, wenn man sich unrealistische Ziele steckt. Wer am Anfang schon weiß, dass er das Ziel erreichen wird, lernt nichts neues dazu. Lernen kann man nur, wenn man sich in das Unbekannte vorwagt!
Training und Vorbereitung – den inneren Schweinehund besiegen!
Es macht jetzt wenig Sinn, über Trainingspläne und Details zu reden. Im Prinzip läuft man 6 Tage in der Woche und während am Anfang ein 20km Lauf noch lange erscheint, wird diese Distanz später der tägliche Erholungslauf.
Ich habe nach der Rückkehr aus Bali meinen Coach angerufen und ihm von meinem Ziel erzählt. Er hat mir geduldig zugehört und war erst still am Telefon. Dann fragt er mich: „Spinnst Du, oder was?“
Er dachte, ich würde ihn verarschen, aber dann hab ich ihm die Infos zum Wettbewerb geschickt und gezeigt, dass ich mich angemeldet habe und jetzt erwartete ich von ihm, dass er einen kompletten Anfänger in 14 Monaten zu einem Athleten trainiert, der an einem der härtesten Rennen im Ausdauersport teilnehmen soll. Er sagte dann: „Wenn Du es ohne Verletzungen schaffst, können wir es versuchen.“
Das Gespräch war noch nicht zu Ende. Ich hatte aber noch eine Herausforderung für ihn, denn ich wollte in 7 Monaten am London Marathon mitlaufen und mich mit einer Zeit von 3:15:00 für den Boston Marathon qualifizieren. Boston ist der heilige Gral aller Marathon Läufer. Man kann sich dafür nur qualifizieren, indem man bei einem anderen Marathon eine bestimmte Zeit in seiner Altersgruppe läuft. Für meine Altersgruppe galt eine Zeit von 3:15:00 und damit über 18 Minuten schneller als in Berlin – was ein gewaltiger Unterschied ist!
Zusätzlich meldete ich mich auch für Marathons Sydney und Chicago an. Dort wollte ich herausfinden, mit welcher Geschwindigkeit ich einen Marathon laufen kann, ohne mich kaputt zu machen bzw. noch in der Lage bin, am nächsten Tag wieder zu laufen.
Die nächsten 14 Monate würden also sehr intensiv werden!
Kurz um: Ich habe für London vor allem auf Geschwindigkeit trainiert. Ich habe also nach genauem Plan 6 Tage in der Woche gezielt trainiert und bin in London eine Zeit von 3:15:07 gelaufen und habe damit mein Ziel um 7 Sekunden verfehlt. Shit happens. Das war sehr frustrierend, denn ich habe wirklich alles gegeben. Andererseits bin ich unter den Top 10% aller Läufer ins Ziel gelaufen – und das, obwohl ich erst vor 8 Monaten im Laufsport angefangen habe. Ab und zu muss man auch mit etwas zufrieden sein!
Jetzt hatte ich auch andere Ziele denn ab jetzt wurde keine Geschwindigkeit mehr trainiert, sondern Ausdauer. Die Niederlage in London war nicht einfach, aber ich hatte keine Zeit zu trauern denn ab jetzt wird das Trainingspensum erhöht und so angepasst, dass ich 7 Marathons hintereinander überleben kann.
Ich bin dann in Sydney angetreten und lief langsamer. Ich rannte eine Zeit von 3:48:30 und merkte, dass das immer noch ein wenig zu schnell war. Ich war am nächsten Tag immer noch zu erschöpft, um wirklich laufen zu gehen. Also bauten wir das Training weiter aus und das wöchentliche Trainingspensum stieg von Woche zu Woche.
Es war oft hart, aber ich hatte eigentlich immer Glück mit dem Wetter. Es war fast immer möglich bei normalen Temperaturen und im Trockenen zu trainieren, womit ich nicht klagen konnte, und so rannte ich und rannte fast jeden Tag.
Natürlich startete ich oft mit müden Beinen und wurde oft langsamer, aber man muss diese innere Stärke aufbauen, auch dann zu laufen, wenn man eigentlich gar nicht mehr kann oder will. Man muss diese eiserne Disziplin aufbringen und allen Ausreden trotzen, wenn man so ein unrealistisches und abartiges Ziel vor Augen hat.
Im Herbst war dann der Marathon in Chicago und den wollte ich als Test nehmen. Ich wollte ihn in einer Geschwindigkeit laufen, die mir am nächsten Tag auch noch einen 30 km Lauf ermöglichen sollte. Ich lief also langsamer – knapp unter 4 Stunden. Ich habe inzwischen auch viel darüber gelernt, zu welchem Zeitpunkt ich was essen musste, was ich vor, während und nach dem Rennen essen sollte, damit sich der Körper schnell wieder erholen kann und wendete all das Wissen penibel an.
Chicago ist ein sehr schöner Marathon und ich bin für das Team Vision gelaufen. Ich war also als Charity Runner unterwegs und sammelte Geld für sauberes Trinkwasser. So hatte die ganze Plagerei wenigstens einen Sinn.
Das erste harte Training direkt nach einem Marathon.
Ich blieb nach dem Rennen also noch in Chicago und stand am nächsten Morgen nach dem Rennen um 5 Uhrauf, da ich immer noch im Jetlag war. Ich habe meine Schuhe angezogen, meine Weste angezogen da ich meine Verpflegung jetzt selbst tragen musste und überwand meinen inneren Schweinehund dazu, jetzt so weit zu laufen, wie ich konnte.
Ich habe schon viele schwierige Dinge im Leben gemacht aber an dem Morgen ohne Grund – nur für einen Test – loszulaufen war äußerst hart. Wer schon einmal eine lange Distanz oder einen Marathon gelaufen ist, weiß, wie ausgelaugt, leer und müde man sich fühlt. Ich bin aber losgelaufen. Ich war langsam – 6er Pace – also unter 10km/h. Man läuft an der Promenade vom Lake Michigan entlang und bei Sonnenaufgang sind schon duzende Menschen draußen beim Laufen, womit ich nicht alleine mit der Idee war, nach dem Marathon früh aufzustehen, und laufen zu gehen.
Am Anfang schaute ich noch auf die Uhr aber ich lief und lief und lief immer weiter in eine Richtung am See entlang. Da waren Häfen und Strände und die Hauptstrasse war auch immer irgendwie zu hören aber im Kopf wurde es immer ruhiger. Ich dachte nur ans Atmen und an den nächsten Schritt und lief immer weiter weg von meinem Hotel. Die Beine wurden immer schwerer und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich wieder zurückkommen sollte, aber ich lief weiter und weiter. Als ich 15km auf der Uhr hatte, fing meine Achilles Sehne richtig fest an weh zu tun. Das war mein Zeichen, umzukehren.
Ich hatte noch mehr Scherzen aber die Sehne tat echt weh und so humpelte ich dahin. Immer noch langsamer. Irgendwann stand auf der Uhr eine 6:30er Pace, aber ich humpelte weiter. Ich dachte keinen Moment mehr an die ganze Strecke, sondern nur noch an die nächste Bucht, den nächsten Parkplatz und den nächsten Punkt, den ich sehen konnte. Ich unterteilte die Strecke in viele kleine Segmente und sagte mir: „Bis dahin kommst Du noch und dann schauen wir weiter.“
Ich litt und es war äußerst unangenehm aber als ich der Stadt näherkam und wieder viele Läufer auf den Wegen waren, gab es immer noch Läufer, die langsamer waren, als ich und das spornte mich wieder an. Ich es ging mir nicht mehr gut und ich war langsam, aber ich war immer noch dabei.
Ich schaffte es am Ende trotz Scherzen bis zum Hotel. Ich bin also das erste mal im Leben innerhalb von 24 Stunden mehr als 73km gelaufen.
Ich habe dabei gelernt, dass manche Schmerzen kommen und stärker werden aber irgendwann aufhören, stärker zu werden, selbst wenn man weiter macht. Man kann sich daran gewöhnen und kann seinem Körper vertrauen, dass so lange nichts gebrochen oder gerissen ist, es immer irgendwie weiter geht. Mit diesem Wissen und den Erfahrungen aus den letzten beiden Tagen, hatte ich das erste mal das Selbstvertrauen, dass mein Projekt möglich wird.
Die härtesten Monate standen aber noch vor mir. November, Dezember und Januar. Das Volumen stieg auf über 130km pro Woche und wurde immer mehr.
Wichtig war für mich die Disziplin einzuhalten und keine einzige Trainingseinheit auszulassen. Mein Coach war z.B. zu Weihnachten und Neujahr überrascht, dass ich keine einzige Trainingseinheit ausgelassen habe, aber ich sagte ihm: „Ausreden werden mich nicht über die Ziellinie bringen.“
Das Wetter war nicht immer optimal und so verbrachte ich viele Einheiten auf dem Laufband. 4 Stunden auf dem Laufband können lange werden. Die ersten 3 Stunden gehen schon, aber danach wurde es oft zäh. Da ich aber im warmen Studio war und meine Verpflegung mitnehmen konnte, brauchte ich einfach nur den harten Willen und die eiserne Disziplin, es durchzuziehen.
Man kannte mich im Studio dann mit der Zeit. Wer bis zu 3 mal in der Woche 4 Stunden auf dem Laufband steht, wird wahrgenommen und so sagte mal jemand zu mir beiläufig:
„Du bist aber ganz schön motiviert.“ Dazu kann ich sagen: Motivation ist nichts…
Motivation bringt einen nirgendwo hin. Motivation ist flüchtig und nutzlos. Es gibt einem bestenfalls den Kick, etwas anzufangen, aber wer nur motiviert ist, schafft gar nichts im Leben. Motivation ist der größte Unsinn, den einem die Trainer und Coaches verkaufen, weil sie gar nichts bewirkt, außer einem kurzen Kick – wie eine Droge – ohne Nutzen und ohne Sinn.
Wenn man mich fragt, wie man unrealistische Ziele erreicht, gibt es nur ein Wort: Disziplin, Disziplin, Disziplin!
Ob man ein Geschäft macht, Briefmarken sammelt, einen Berg besteigt oder sich auf einen Marathon vorbereitet. Disziplin ist das Einzige, was einen ans Ziel bringt.
Als ich im Business war, habe ich immer gearbeitet, bis eine Arbeit fertig war und wenn ich dazu eine Nacht durcharbeiten musste, habe ich das getan. Meine Disziplin hat mich oft nach einer Party noch Arbeiten erledigen lassen, die ich aus Prinzip erledigt haben wollte. Ich habe viele Unternehmer erlebt, die es etwas lockerer genommen haben, als ich und nicht wenige haben sich hinter meinem Rücken über mich lustig gemacht. Keiner von denen ist heute noch im Rennen… sie hatten einfach nicht die Disziplin die Dinge zu erledigen und durchzuhalten, als es notwendig war.
Die härteste Trainingseinheit – der Moment in dem der Champion geboren wird!
Und weil es zum Thema Disziplin passt, will ich Dir von meiner heftigsten Trainingseinheit erzählen.
Es war wieder eine Aufbauwoche im Dezember in der das Pensum sehr hoch war. Wochenziel waren 160km, was 3x40km entspricht, einen Tag Krafttraining, 2x 20km Erholungslauf und einem freien Tag.
Trotz dem enormen Pensum konnte ich einer Party mit Freunden in Prag nicht widerstehen. Ich bin also am Mittwoch 40km gelaufen, am Donnerstag 20km und am Freitag 40km auf dem Laufband, am Samstag morgen um 6 Uhr aufgestanden und 20km gelaufen, damit ich den Flug um 12 Uhr nach Prag erwischen konnte.
Normalerweise ist jetzt nicht mehr viel Energie übrig, um auf ein Musik Festival zu gehen aber ohne Alkohol und viel Koffein haben wir trotzdem bis 6 Uhr durchgefeiert. Ich war schon müde, aber ich wollte mir das nicht anmerken lassen da ich kein Spaßverderber sein wollte.
Nach 3 Stunden Schlaf haben wir uns um ca. 10 Uhr auf den Heimweg gemacht und mit etwas Verspätung und der Fahrt nach Hause bin ich um 15 Uhr daheim angekommen. Ich war wirklich extrem müde und hätte mich nur noch hinlegen müssen und hätte locker bis zum nächsten Morgen durch geschlafen. Ich lag also auf dem Sofa, der ganze Körper schwer wie Blei und jede Zelle sagte mir: Schlafen und ausruhen… aber mir kam in den Sinn, noch einen Blick auf den Trainingsplan zu werfen. Da stand drin: 40km lockerer Lauf… also gut 4 Stunden Training.
Draußen ging die Sonne unter, es war ein kalter, nebliger Wintertag und ich würde in die Nacht hineinlaufen müssen. „Nein, bitte nicht… einmal kann man eine Ausnahme machen.“ Sagte das Teufelchen und das Engelchen sagte: „Ausreden bringen Dich nicht ans Ziel – aufstehen, laufen gehen. Jetzt.“ (war das wirklich das Engelchen??)
Die Angst vor dem Scheitern bewegte mich dazu, meine Flaschen mit Getränken zu füllen, Powergels und Snacks vorzubereiten, meine Sachen anzuziehen, meine Weste mit dem Material zu füllen, meine Mütze und die Stirnlampe anzuziehen.
Ich war alleine daheim und so setzt ich mich noch kurz an den Küchentisch und weinte innerlich. Ich habe wirklich innerlich geweint und mich selbst gebettelt, nicht rauszugehen. Ich war in jeder Hinsicht stark übermüdet und war fix und fertig. Alles tat weh und eigentlich sollte ich in dem Zustand eher einen Arzt aufsuchen, als einen Marathon zu laufen, aber es half nichts – ich musste aufstehen und anfangen, ein Bein vor das andere zu bewegen.
Durchatmen, aufstehen und einfach einmal loslaufen. Vor dem Haus drückte ich den Knopf auf meiner Garmin und fing an zu laufen. Die Dämmerung hat schon eingesetzt und ich wusste, dass es anstrengend wird, weil viele Stellen auf der Strecke vereist waren – ich musste also zusätzlich noch sehr vorsichtig laufen.
Und so lief ich weg von daheim in eine Richtung. Meine übliche Strecke auf einsamen Pfaden am Bodensee dahin, wo sonst viele Menschen waren, war ich an dem Abend ganz alleine. Ich kannte jeden Meter, jede Abzweigung war Punkt wie auf einer Karte, den ich verfolgte und so zerlegte ich die Strecke immer nur bis zum nächsten Punkt.
Mit tat alles weh und die Achilles Sehne meldete sich auch wieder. Es wurde dunkel und eiskalt und ich rannte Kilometer für Kilometer. Ich kannte den Wendepunkt, der genau 20,6km von meinem zuhause entfernt war und hatte nur diesen Wendepunkt im Kopf. Ich dachte: „Ab dann musst Du nur noch nach Hause laufen“
Als es dunkel war, hatte ich nur noch den kleinen und schwachen Lichtkegel meiner Stirnlampe vor mir. Viele Stellen auf den Straßen waren vereist, lange Strecken waren unbeleuchtet und der dichte Nebel sorgte dafür, dass es stockfinster wurde. Das Atmen fiel immer schwerer und die Schmerzen am ganzen Körper wurden immer schlimmer aber ich quälte mich weiter.
Irgendwann kam mein Wendepunkt, an dem ich kurz anheilt um eine Banane zu essen, etwas Tee zu trinken und innerlich zu weinen, ohne dabei zu verzweifeln. Trotzdem hatte ich Tränen in den Augen, weil der Kampf so hart war. „Warum musste ich auch unbedingt nach Prag feiern gehen – war das wirklich notwendig?“
Ich biss aber auf meine Zähne, packte meine Sachen wieder in die Weste und machte mich auf den Heimweg. Ich hätte 2 Ibuprofen dabei gehabt, um die Schmerzen zu lindern aber ich halte es nicht für gut, Signale vom Körper auszuschalten wenn ich im Training bin. Also habe ich das gelassen.
Kurz darauf flackerte meine Stirnlampe und ein paar Momente war sie aus. Batterie leer und obwohl ich an sowas bei jeder Expedition penibel gedacht habe, hatte in dem Moment, wo es das erste mal notwendig gewesen wäre, keine Ersatzbatterie dabei. Es war ab jetzt also komplett stock dunkel, eisige Stellen auf der Straße, keine Straßenbeleuchtung und ich 20km weit weg von daheim.
„Warum muss sowas immer mir passieren? Warum passiert immer alles auf einmal im schlimmsten Moment? Warum gerade mir und warum gerade jetzt?“ Ich war jetzt am dunkelsten Ort, verzweifelt, müde, komplett ausgelaugt, unter Schmerzen und am Ende – ich wollte nicht mehr, ich konnte nicht mehr.
Aber wie sagt ein Sprichwort: „Wenn man am dunkelsten Ort ist, hat Gott Dich nicht vergessen, sondern gepflanzt.“
Dieser Lauf war meine Prüfung – es war der Tag, an dem der Champion in mir geboren wurde und ich auserkoren wurde, diese Herausforderung anzunehmen und zu meistern.
Es sind nicht die Tage an denen alles gut läuft, sondern die schlimmsten Tage – die härtesten Tage und die Momente, in denen es hoffnungslos ist, an denen Champions gemacht werden.
Ich hatte auf dem Weg 2 Bahnhöfe, an denen ich in einen Zug einsteigen und nach Hause fahren hätte können und die Züge fuhren alle 30 Minuten. Ich hatte genug Ausreden, die jeder verstanden hätte, um jetzt aufzugeben aber dann dachte ich: „Wer will meine Ausreden überhaupt hören? Wen interessiert das? Niemand – es interessiert keinen Menschen, was ich für eine Ausrede gefunden habe!“
Es ist wie in jeder anderen Lebenssituation. Kein Mensch interessiert sich für die Ausreden der Aufgeber, weil diese Informationen niemandem helfen, ans Ziel zu kommen. Wenn sich überhaupt jemand für irgendetwas interessiert, was ich mache, dann dafür wie ich es geschafft habe und wie ich es gemacht habe.
Ich lief also dahin. Gehen tat mehr weh, als langsam rennen und irgendwann stand auf der Uhr auch eine 7er Pace, aber es ging nicht mehr schneller. Ich war komplett am Anschlag und kämpfte mich von einer Wegmarkierung zur nächsten.
Am ersten Bahnhof schaute ich rüber. Der Zug würde in 5 Minuten kommen. Also lief ich hin. Ich wurde schwach und war beim Aufgeben. Aber nur für einen Moment, bis das Engelchen wieder übernahm. Der Zug rauschte ein paar Minuten später an mir vorbei und ich lief in der finsteren Nacht ohne Licht durch die einsamen Waldwege am Bodensee dahin. Am 2. Bahnhof war ich zu müde, um mit dem Teufelchen zu diskutieren. Ich denke, das Teufelchen hat aufgegeben oder hat die Gelegenheit verschlafen.
Die letzten 10k habe ich nicht mehr in Erinnerung, obwohl ich die Strecke in uns auswendig kenne. Ich halluzinierte etwas und sah helle Lichtspiele aber immer nur kurz und ich wäre auch zu erschöpft gewesen, um deswegen Sorgen zu bekommen.
Ich weiß dann noch, dass ich vor dem Haus auf dem Parkplatz noch 70m zu wenig auf der Uhr hatte und beim Nachbar noch einmal ums Haus spaziert bin – einfach aus Prinzip und Disziplin, um das Pensum zu erfüllen.
An dem Abend wurde der Champion geboren, der zur 777 Challenge antreten konnte. Mein Coach schrieb mir auch noch als Kommentar: „Es war wirklich sehr wichtig, diese Trainingseinheiten in dieser Woche zu beenden. Gratulation!“
In der Nacht hatte ich einen langen und guten Schlaf. Ich schlief 15 Stunden durch und genoss meinen Ruhetag mit einer inneren Zufriedenheit, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Es gab noch einige andere harte Trainingseinheiten und Wochen, in denen es besonders schwer war, die Schuhe jeden Tag anzuziehen und loszulaufen. Ich erinnere mich, wie ich im Herbst einen Kommentar in meiner Trainings App für meinen Coach hinterlassen habe und sagte: „Laufen fühlt sich nicht mehr so frisch und locker an, wie im Sommer sondern eher wie ein David Goggins Überlebens Bootcamp.“
David Goggins ist bekannt dafür, unter brutalsten Schmerzen unglaubliche Laufleistungen zu vollbringen. Kein Idol für mich da er nur zeigt, wie man mit einem starken Ego einen Körper komplett ruinieren kann, aber es fühlte sich über Monate so an.
Zusammenfassung der Vorbereitung
Man könnte über die gesamte Vorbereitung locker ein Buch schreiben da man jeden Tag neue Dinge dazu lernt, aber interessant wäre das nur, wenn man selbst so ein Projekt vor sich hat.
Es sind insgesamt 4.500km gewesen, die ich gelaufen bin. Ich testete 7 Schuhmarken und verschiedene Typen, bis ich meine Liebslings Schuhe gefunden habe. Ich testete auch sonst viel Material rund ums Laufen und fand so meine Ausrüstung für die unterschiedlichen Klimazonen.
Ich hatte einen Ernährungscoach, mit dem wir genau festlegten, in welcher Situation ich wie viele Powergels einnehmen sollte und in welcher Reihenfolge. Der Kalorienbedarf ist enorm. Pro Stunde setzte ich mir zum Ziel, mindestens 100g Kohlenhydrate (Zucker) und 700ml Isogetränke zu trinken. Das entspricht 3-4 Powergels pro Stunde plus Getränke.
Wenn man das nicht speziell trainiert, wird einem davon sofort schlecht und man würde sich übergeben. Deshalb wurde das bei jedem langen Training in den Plan eingebaut. Es wurde auch genau geplant, zu welcher Zeit vor jedem Lauf ich was essen würde, damit die Energie im Körper ist aber nicht mehr im Magen. Ein voller Magen rennt nicht gern und ohne Energie im Körper kommt man nicht weit.
Ich hatte auch ein Coaching für Schlaf und Erholung und lernte bei der Physiotherapie und der Chiropraktik sehr viel über meinen Körper. Das Gelernte wird mir auch in Zukunft sehr viel Nutzen bringen, von dem ich ein Leben lang profitieren werde.
Lass uns nun zum eigentlichen Rennen kommen!
Die Zeit vergeht im Flug und ich bewundere jeden, der neben so einem straffen Trainingsplan noch einen normalen Job hat. Ich hatte das Gefühl, dass diese Vorbereitung beinahe ein Vollzeitjob ist, zumal ich noch verschiedene Therapien gemacht hab und irgendwie dauernd mit irgendeiner Vorbereitung beschäftigt war.
Am 25. Januar ging es dann los mit dem Flug nach Kapstadt, wo ich noch 3 Tage verbrachte und nach und nach das Team aus der ganzen Welt kennen gelernt habe. Zu dem Zeitpunkt, war ich immer noch sehr unsicher, ob ich es schaffen würde und verhielt mich leise und zurückhaltend.
Ich war nicht scharf darauf, mit vielen Leuten zu reden und ging lieber allein essen. Ich hatte Zweifel, ob die ganzen Vorbereitungen umsonst waren, und ich scheitern würde. Diese Zweifel nagten in mir, weshalb ich Gespräche mied und mich lieber zurückzog.
Scheitern tut immer weh, aber ich sagte mir: Wenn ich scheitern werde, werde ohne Lärm. Ich habe keine Lust, Leuten, die keine Ahnung haben, erklären zu müssen, warum ich es nicht geschafft habe. Deshalb habe ich auch im Vorfeld fast niemandem etwas davon erzählt. Meine Devise: „Wenn ich scheitere, dann lieber leise.“
Es gab am Tag vor dem Abflug in die Antarktis um 10 Uhr am Vormittag ein Meeting mit allen Teilnehmern und dem gesamten Team, das 3 Stunden dauerte. Es war ein Brifing und vor allem wenn man die Antarktis betritt, wird man sehr umfangreich und genau instruiert, was man tun darf, wie man es machen muss und so wetiter. Das kannte ich von meinem anderen Abenteuer zum Mt. Vinson schon. Hier sollten wir allerdings auch gleich lernen, geduldig dazusitzen und zu warten, weil wir in den nächsten Tagen wohl gut 40 Stunden in Flughäfen herumsitzen und warten würden. Wir sollen uns also daran gewöhnen, unbequem und lange zu sitzen.
Geplant war es, am nächsten Tag um 11 Uhr zum Flughafen zu fahren. Wir hatten also den Nachmittag und Abend noch für uns. Mir war nicht danach, mich mit den ganzen fremden Leuten zu reden und so zog ich mich zurück. Meine Zweifel an mir selber holten mein Selbstbewusstsein so tief in den Keller, dass mir nicht danach war, mich mit Menschen zu umgeben.
Ich legte mich etwas ins Zimmer und richtete noch meinen Koffer für die Antarktis. Alle anderen Sachen würde ich während dem Aufenthalt in der Antarktis im Zimmer zurücklassen. Ich war bereit und machte ein Mittagsschläfchen und plante am Abend noch in ein Steakhaus zu gehen und Pasta zu essen. Der Plan war es, ein Steak mit auf die Reise zu nehmen, damit ich nach dem ersten Rennen gleich ein kaltes Steak essen könnte… das hatte ich minutiös geplant und mit dem Steakhaus ausgemacht… und dann kam das:
Um 17 Uhr wachte ich auf und schaute auf mein Handy. Irgendwas stimmte nicht. Alle paar Sekunden eine Meldung und immer etwas mit „omg“ und „wtf“ und „get ready“. Obwohl ich solche Gruppenchats sonst kaum lese, schaute ich kurz hinein.
Kurz um: In der Antarktis zieht ein Sturm auf und wir müssen in einer Stunde los, damit wir die Antarktis vor dem Sturm wieder verlassen können. Kurzer Blick auf die Uhr… noch 10 Minuten Zeit. Ich war aber bereit, ging runter und es konnte direkt losgehen, denn die Busse warteten schon auf uns. Mein Plan mit dem Steak war damit hinfällig… shit – gleich nach dem ersten Lauf nix gescheites zu essen dabei. Fängt ja gut an!
Antarktis
Die Anreise zum ersten Marathon in der Antarktis erfolgte mit einer uralten russischen Transportmaschine, einer Iljuschin II-76, die speziell für den Einsatz in der Antarktis umgebaut wurde. Das WC war 1 Dixi Klo, das hinten festgezurrt wurde und die Sitze stammen aus mehreren verschiedenen Flugzeugen, die wohl abgestürzt waren – zumindest sah alles so aus. Es gibt keine Fenster, der Flug dauert über 6 Stunden und es war extrem laut. Ich hätte so gerne geschlafen, aber ich war zu aufgeregt und der Lärmpegel machte es unmöglich.

Wir landeten um 5 Uhr am Morgen in der Antarktis, was man nicht merkt, weil die Sonne immer irgendwo am Himmel ist und dann steigt man aus. Sofort ist alles komplett surreal – eine komplett andere Welt. Man friert sofort und der eisige Wind schmerzt auf der Haut, die Sonne blendet und es ist hektisch.
Der Körper braucht etwas Zeit, um sich an Kälte, das grelle Licht, den starken Wind und die Situation zu gewöhnen. Man friert sofort und ist müde, weil man nicht geschlafen hat und schleppt seinen Krempel zu einem Zelt und dann hört man: „In 90 Minuten muss man an der Startlinie stehen.“

Ich musste mich sortieren und überlegen. Als erstes muss Energie in den Körper. Also erst mal essen – so viele Kalorien in den Körper wie möglich. Dann hatte ich eine Weste, die ich unter der Jacke am Körper trug, damit ich Powergels und etwas zu trinken immer griffbereit hatte, ohne dass es gefriert.
Es war alles noch unorganisiert und hektisch für alle Teilnehmer und die 90 Minuten sind verflogen wie nichts. Man kommt gar nicht dazu zu realisieren, was eigentlich los ist – und bevor man irgend eine Vorfreude entwickeln kann oder sich irgendwie mental auf einen Marathon vorbereiten kann, ist man schon mitten drin.
2 Minuten vor dem Start gingen wir raus und standen an der Startlinie. Der Wind war eisig und böse. Es gab noch einige Instruktionen und schon ging es los. Ich rannte über die Startline und war nun plötzlich drin in der World Marathon Challenge.
Sofort wurde mir klar: Das hier ist was Anderes – das haben wir so nicht trainiert. Der weiche Boden, der harte Wind, die viele Kleidung und die Skibrille im Gesicht. So eine surreale Situation, ohne dass man Zeit hatte, sich darauf einzustellen. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell ich laufen sollte aber ich lief. 1,6km gegen den Wind, dann abbiegen und 1,6km Seitenwind und dann noch einmal 1,6km leicht aufwärts mit Rückenwind. 10 Runden.

Die Details sind uninteressant. Ich kann nur sagen: Nach der 2. Runde war jedes Ego gebrochen und jeder Kampfgeist oder Wille diese Challenge zu gewinnen oder andere Läufer zu schlagen, am Boden zerschmettert. Unter diesen Bedingungen einen Marathon zu rennen ist das Brutalste, was man sich vorstellen kann. Diese Naturgewalten sind extrem und hämmern brutal auf einen hinein und das stundenlang. Der weiche Untergrund macht jeden Schritt zur Tortour und so war ich über 5 Stunden lang draußen. Gegen den Wind war rennen oft nicht mehr möglich. Die Jacke war wie ein Windsegel und 3x hatte ich Glück, dass jemand vor mir war und ich in seinem Windschatten gehen konnte aber es war zäh. Noch nie war ich so lange auf den Beinen und es war mir klar: Diese Challenge wird eine harte Nummer werden!
Aber ich war 13. von 60 Läufern und fand das eigentlich ganz gut. Es gab Läufer, die unter den Bedingungen 8 Stunden da draußen waren. Ich hatte also fast 3 Stunden, in denen ich auf dem Boden liegend ausruhen konnte und eine Kleinigkeit essen konnte.

Dann ging wieder alles schnell. Wir gingen an Board der alten russischen Maschine und machten uns auf den über 6 Stunden langen Flug nach Kapstadt. In Kapstadt angekommen gab es ein Update über die Startzeit. Da es organisatorisch nicht möglich war, den Start sofort zu machen, bekamen wir 8 Stunden frei. Was für ein Glück wir hatten! 8 Stunden, in denen ich im Hotel noch etwas ordentliches essen und anschließend in einem normalen Bett richtig ausschlafen konnte.
Ich danke dem Sturm in der Antarktis dafür, dass er mir eine ganze Nacht richtigen Schlaf ermöglicht hat! Damit hat keiner gerechnet – normalerweise würde man sofort wieder loslaufen! Eine ganze Nacht in einem richtigen Bett zu bekommen, ist mit einem Jackpot zu vergleichen und ich war dafür von ganzem Herzen dankbar!
Kapstadt
Ich war nach einer Nacht im feinen Bett, um 5:30 Uhr rechtzeitig auf den Beinen und diese fühlten sich gut an. Die Beine waren nicht mehr frisch, aber auch nicht müde und so gingen wir an den Start. Kurze Einweisung und dann ging es auch schon los.
Endlich wieder auf festem Untergrund laufen und die Strecke kannte ich schon von den Tagen davor. Es galt jetzt, eine Geschwindigkeit (Pace) zu finden, die ich den Rest der Woche durchhalten kann. Seit der 2. Runde in der Antarktis war jedem klar, dass man hier nicht gegen die anderen läuft, sondern nur gegen sich selbst. Ich entschied mich bei einer Zeit von 4 Stunden zu bleiben und lief von Anfang an die dafür notwendige Pace von etwa 5:40 (5:40 Minuten pro Kilometer).
In Kapstadt war besonders lustig, dass ich meine eigenen Fans hatte. Wie kam es dazu? Bei der Ankunft ging ich jeden Tag laufen. Am ersten und zweiten Tag ist mir aufgefallen, dass sich einige Obdachlose immer an denselben Stellen aufhielten. Zum Teil mit ihren Kindern. Also habe ich am 3. Tag ein kleines Bündel 100 Rand Scheine (ca. 7 Euro pro Geldschein) genommen und diese dort beim Laufen verteilt. Keine große Sache für mich, aber es gab nette Reaktionen von ein paar dieser armen Leute.
Beim Rennen erkannten mich 3 dieser Obdachlosen wieder und sahen wohl, dass ich mehrmals mit Startnummer vorbeigelaufen bin, zumal ich immer dieselbe Kleidung trage, wenn ich laufe. Ich habe sie gegrüßt und bei jeder Runde hatte ich an 3 Stellen einen kleinen Applaus, den ich freundlich erwiderte.
Sowas tut richtig gut – es sind so kleine Dinge, die das Herz lachen lassen und mir Energie gegeben haben. Es kostet nichts nett zu sein, aber es gibt so viel und an dem Tag hatte ich und diese armen Leute ein kleines Lächeln im Herzen. Zumindest eines mehr als sonst.
In Kapstadt lief es gut. Das Wetter war perfekt, wir liefen um 6 Uhr am Morgen los und der Wind kam vom Meer herein. Super Kulisse, großartige Stimmung und so bin ich in 4 Stunden auch durch gewesen und hatte wieder einige Stunden Zeit, mich im Hotel zu erholen. Am Nachmittag ging es dann los… es fing diese Routine an, die uns ab jetzt begleiten sollte.

Die Routine
90 Personen mit jeweils 2-3 großen Koffern (jeder musste immer alles selbst mitschleppen – auch die Ausrüstung von der Antarktis), beladen die Busse. Durchzählen, sicherstellen, dass niemand vergessen wurde und dann Abfahrt zum Flughafen. 90 Leute müssen dann wieder ihr Gepäck neben dem Bus finden und zum Check-in bringen. Wenn alle am Schalter sind, wird gemeinsam das Gepäck aufgegeben und das kann dauern, denn wir haben Nationalitäten aus der ganzen Welt dabei, die beim Check-in alle überprüft werden mussten.
Wenn alle ihr Gepäck aufgegeben hatten, ging es zur Passkontrolle. Wieder warten bis 90 Personen mit ihren 25 verschiedenen Pässen abgefertigt waren und dann auf das Flugzeug warten. Alles war immer gut organisiert aber bis wir im Flugzeug waren, vergingen immer 3 Stunden. Jeden Tag 2x obwohl man müde und ausgelaugt ist und wenn mich jemand fragt, was das Härteste an der Challenge war, kann ich sagen: Dieses Prozedere…
Das Flugzeug
Für das Abenteuer wurde ein Flugzeug von einem amerikanischen Football Team angemietet, das ausschließlich mit Sitzen ausgestattet wurde, die einer alten Business Class ähnelten. Es gab keinen Fernseher, aber man konnte die Sitze hinunterfahren und lang dann halb schräg auf dem harten Sitz. Man konnte halbwegs liegen aber rutschte dauernd nach unten, so dass man im Schlaf mehrmals wieder hinaufklettern musste. Ein ruhiger, durchgehender und erholsamer Schlaf war also ausgeschlossen.
Niemand hatte nach dem Einsteigen Lust zu warten, bis das Flugzeug in der Luft war, bis man sich hinlegen konnte. Deshalb hat das auch niemand gemacht. Man steigt ein, geht zu seinem Sitz, macht das Ding flach, Ohrstöpsel hinein, Schlafmaske rauf und schlafen. Ich glaube, ich habe keinen einzigen Start erlebt – ich habe immer sofort geschlafen. Ein Vorteil gegenüber normalen Flügen, in denen man bei Start und Landung immer aufrecht sitzen muss.
Auf das Essen im Flugzeug hat fast jeder verzichtet, weil Schlaf wichtiger ist als Essen zumal man seine Kalorien meistens im Flughafen oder nach dem Rennen schon in den Körper gestopft hat. Viele dieser Kalorien hatte jeder in unterschiedlichster Form selbst mit dabei, weshalb auch das ganze Gepäck so groß war.

Perth – Australien
Schon kurz vor der Landung nach dem 14 Stunden langen Flug hat man uns gewarnt, dass es warm sein wird, aber Informationen blendete ich aus, wenn sie nicht essenziell waren, weil ich schöpft und müde war. Die Information über die Temperaturen war für mich deshalb nicht wichtig, weil ich eh nichts daran ändern kann. Außerdem hatten wir wieder die Routine vor uns:
Das Prozedere mit 90 Leuten, die ihre Koffer abholten, durch den Australischen Zoll, die Passkontrolle und zum Bus mussten, was wieder beinahe 3 Stunden in Anspruch nahm. Wir wurden von einem Empfangskomitee im Flughafen empfangen und weil wir im klimatisierten Flughafen waren, merkten wir noch nichts von der Hitze.
Dann mussten wir aber zum Bus und gingen hinaus ins Freie. Ich konnte kaum atmen und dachte, es wäre ein Heißluftfön, der hier eingeschaltet wurde. Nach ca. 100m Koffer schleppen im Freien, knallte es rein – mir und einigen anderen wurde schwindelig und wir mussten uns hinsetzen. Der Kreislauf kam nicht klar mit der Temperatur und ich dachte, ich muss aufgeben – wie soll ich bei der Hitze einen Marathon rennen?
Tatsächlich war es der heißeste Tag seit 7 Jahren in Perth und die Spitze einer Extremen Hitzewelle. Mein erster Gedanke: „Heute werden wir wieder was Neues lernen.“
Es gab Hoffnung, denn wir rannten um 16 Uhr Ortszeit los und um 19 Uhr ging die Sonne so weit hinunter, dass wir im Schatten rennen würden.
Wieder 90 Personen mit Gepäck in den Bus und danach wieder raus, sich organisieren und für den Lauf vorbereiten. Die richtigen Powergels in die richtigen Taschen, noch etwas essen und Trinkflaschen füllen.
Einige Minuten zuvor haben wir uns noch gegenseitig geholfen, aus dem Bus auszusteigen weil wir alle schwere Beine hatten. Marathonläufer wissen, dass Treppensteigen etwas mühsam sein kann… aber jetzt standen wir wieder an der Startlinie und es ging los.
Man rennt einfach und irgendwie geht es nach 2 – 3 km dahin. Die Hitze war extrem für mich, aber wir wurden mit kaltem Wasser und vielen Getränken von dem Hilfsteam in Australien bestens versorgt.
Bei jeder Station auf der Welt hat der Veranstalter Teams gehabt, die uns geholfen und versorgt haben. Darunter waren Streckenposten, damit wir den Weg nicht verlieren und Leute, die uns mit Getränken und Snacks versorgt haben. Die ganze Logistik hinter dem Event war sehr beeindruckend.
Ich schwitzte in Australien wie noch nie im Leben zu vor und trank ca. 9 Liter Getränke und zusätzlich 10 Powergels, ohne einmal auszutreten – ich wusste nicht einmal, dass man so viel Flüssigkeit in so kurzer Zeit schwitzen kann, aber ich bin in ca. 4 Stunden durch gewesen und hatte wieder fast 3 Stunden, um etwas zu essen und auszuruhen.
Essen war generell schwierig. Wenn man Hunger hatte, war nichts da und wenn was da war, brachte ich nichts hinunter. Die Rettung war in Australien eine Kürbissuppe und Pattys von 4 Chicken Burger. Es war weder gesund noch gut, um den Energie-Level hochzuhalten, aber ich hatte etwas im Bauch und konnte dann zumindest Recovery Shakes trinken, ohne dass mir davon gleich wieder schlecht wurde. Es geht immer nur darum, Kalorien hineinzubringen und sie drinnen zu behalten.
Nach dem Lauf kam wieder die Routine. 90 Personen mit viel Gepäck in den Bus, aus dem Bus, in den Flughafen, Gepäckaufgabe, Sicherheitskontrolle, Passkontrolle und versuchen im Flughafen etwas zu essen zu finden um dann möglichst schnell im Flugzeug liegen und schlafen zu können.
Dubai
Inzwischen war jedem von uns egal, was für eine Tageszeit wir hatten. Wir landeten, hatten wieder unsere 3 Stunden lange Routine, wurden zur Startlinie gebracht und liefen wieder los. Ich war wieder ca. 4 Stunden später im Ziel, ging duschen und durfte mich an einem reichhaltigen Buffet in einem schönen Hotel bedienen.
Das erste mal seit Tagen gab es wieder richtig gutes Rindfleisch, Eier – gesundes und gutes Eiweiß und gut schmeckende Kalorien. Der Körper war so ausgelaugt, dass Essen schwergefallen ist, aber ich zwang mich, so viel wie möglich zu essen. Hilfreich ist es z.B. Zitronensaft auf beinahe rohes Fleisch zu geben, was es sehr leicht zu verzehren macht und man unglaublich viel davon hinunter bekommt, selbst wenn man keinen Hunger hat.
Ansonsten gibt es von Dubai nicht viel zu erzählen. Das Rennen hätte überall auf der Welt sein können – wir waren zu müde, um uns auf etwas anderes zu konzentrieren, als zu rennen und zu reisen. Wir bewegten uns wie Zombies in unserer täglichen Routine und versuchten dabei, die Stimmung positiv zu halten.

Interessante Menschen
Bei der vielen Wartezeit hatte man viele Gelegenheiten, die 60 Läufer kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Es waren durchwegs sehr interessante Menschen und kein einziger hatte eine langweilige Story zu erzählen.
3 Teilnehmer waren schon das 2. Mal bei der Challenge dabei. Einer hat mir erzählt, dass er einmal mit einem Ruderboot den Atlantik überquert hat und ein anderer erzählte mir, dass er das alles für Charity machen würde.
Es waren Teilnehmer aus über 20 Ländern mit dabei, wobei Chinesen und Amerikaner den größten Teil ausmachten. Einige sparten sich das Geld viele Jahre lang zusammen, einer erzählte mir, dass er sich den Traum finanziert hatte und ein anderer brachte gleich seine Frau und seine Tochter mit, welche auch jeweils die volle Gebühr bezahlen mussten.
Eine Frau war ebenfalls auf dem Mt. Everest und der Älteste Läufer war 74 Jahre alt. Die älteste Frau war 70 Jahre alt und der jüngste Teilnehmer war ein 21-jähriger Junge aus China. Es waren Berufe wie Lehrer, Investmentbanker und Marathon-Veranstalter mit dabei und eine Teilnehmerin nahm ihren Coach als Pacer mit. Ein Pacer ist jemand, der viel schneller laufen könnte aber immer in einer genau vorgegebenen Geschwindigkeit läuft bzw. das Tempo vorgibt.
Viele haben auch schon einen Ironman bewältigt und sagten am Ende, dass diese Challenge sehr viel anspruchsvoller wäre als ein Ironman. Insgesamt war es eine bunte Truppe von lebensfrohen Menschen, die alle den Eindruck machten, zufrieden mit ihrem Leben zu sein.
Wir sind heute noch in einem Gruppenchat in Kontakt miteinander und bei jedem Marathon verabredet man sich. So habe ich diese neuen Freunde in Tokyo und Boston wieder getroffen und habe auch für meinen Marathon in New York schon vereinbart, mit wem ich mich wieder treffen werde.
Madrid
Wir wurden wieder auf kaltes Wetter und eventuell leichten Nieselregen eingestimmt. Damit hatte ich nicht gerechnet – ich hatte nur ein einziges langärmliges Shirt dabei, das geeignet war, um damit zu laufen. Ich kramte also wieder das langärmlige, verschwitzte Shirt, das ich in der Antarktis in einen Plastikbeutel gegeben hatte, heraus. Damit es nicht so brutal stank, sprühte ich etwas Deo drauf, denn es lag schon 4 Tage leicht feucht in dem Beutel und hatte alle Temperaturen durchlebt. Es wunderte mich, dass es nicht schon selbstständig davonlaufen konnte. Aber glaub mir – es war mir egal, denn ich ging ja nicht auf ein Date, sondern in einen Überlebenskampf.

In Madrid hatten wir die besten Fans. Auf den 10 Runden feuerten sie uns jedes Mal motiviert an und jubelten uns zu. Es war großartig, solche Fans zu haben, denn es war einsam da draußen auf der Strecke, die normalerweise eine Rennstrecke mit 50 Höhenmeter pro Runde war. Ich wurde etwas langsamer, weil der Marathon insgesamt also 500 Höhenmeter beinhaltete und abwärts rennen nicht leichter war als aufwärts.

Der Motivationsschub
Ich habe von meinem Abenteuer von Anfang an ein wenig auf Facebook gepostet, was doch von einigen Freunden gesehen wurde – auch in Nepal. In Nepal habe ich mehrere Schulen gebaut und unterhalte den Schulbetrieb in mehreren Schulen mit meiner kleinen www.myidol.com Stiftung.
Ein Freund aus Nepal hat gesehen, was ich mache, und hat in einer von mir gebauten Schule mit den Kindern einen Lauf zu meinen Ehren und für meine Motivation mit den Kindern veranstaltet. Sie erstellten ein Video und viele Kinder feuerten mich an und unterstützten mich.
Ich habe die vergangenen Tage viele motivierende Nachrichten von Menschen bekommen, die mich anfeuerten, aber dieses Video hat mir am meisten bedeutet und es hat für echte Freudentränen und tiefe Emotionen gesorgt.
Wenn man so allein am persönlichen Limit läuft, ist es sehr einsam. Zu wissen, dass es am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die mich mit ihrem ganzen Herzen und mit so viel Liebe unterstützen, obwohl sie mich noch nie persönlich getroffen haben, hat mir unheimlich viel Motivation gegeben. Ich schaute das Video mehrmals an und hatte Freudentränen in den Augen und wurde sehr emotional. Ich zeigte das auch anderen Teilnehmern und alle waren zutiefst beeindruckt von dieser motivierenden Geste aus Nepal!
Ich musste es schaffen – ich musste diesen Kindern zeigen, dass man mit Disziplin und Willen alles im Leben erreichen kann. Es sind meine Schützlinge und ich will ihnen zeigen, dass alles möglich ist! Ab jetzt dachte ich in jedem harten Moment an diese Kinder und dass ich jetzt ihr Idol bin – „Giving up is not in the blood, Sir“ (Die Worte von Nimsdai, 1983-2026, dem berühmten Bergsteiger aus Nepal.)
Fortalezza – Brasilien
In Madrid gab es an der Rennstrecke nichts zu essen, außer Recovery Shake. Ich konnte das Zeug nicht mehr riechen, aber es musste hinunter. Die Hoffnung, dass es im Flughafen noch etwas Besseres gibt, war vergebens und im Flugzeug gab es nur etwas Reis mit Gemüse und ich merkte, wie ich ganz plötzlich sehr schwach wurde.
Wir kamen in Fortaleza um Mitternacht an und nach unserer 3 Stunden Routine kamen wir um 3 Uhr im Startbereich an. Es war warm, die Luftfeuchtigkeit war hoch, ich fühlte mich sehr schwach und es waren heftige Regenfälle angekündigt. Und ich merkte, dass ich einen Tiefpunkt erreiche. Ich sah, wie andere Läufer ebenfalls litten und wir motivierten uns gegenseitig: „Nur noch 2x – morgen sind wir schon in Miami!“
Das Schuhdesaster
Start sollte um 4 Uhr sein und wir hatten keinen Zugang zu unseren Koffern mehr. Ich hatte Schuhe an, die ich im Training getestet hatte und aussortiert hatte, weil sie ganz und gar nicht zu meinen Füßen passten und in kurzer Zeit Schmerzen über den ganzen Bewegungsapparat auslösten. Deshalb trug ich sie als Straßenschuhe im Alltag. Dazu waren sie ok.
In der Tasche hatte ich sehr gute Laufschuhe, die allerdings eine glatte Sole hatten. Wer immer sowas erfunden hat, sollte bestraft werden. Wenn es nass ist, sind diese Schuhe auf normalem Belag noch fast ok, solange man nicht zu schnell in Kurven rennt. Bei einem bemalten Untergrund, wie einem Zebrastreifen sind diese Schuhe, wie wenn man auf Glatteis laufen muss – extrem rutschig, gefährlich und unmöglich, um zu laufen.
Ich hoffte also, dass die Rennstrecke nicht bemalt ist und nicht zu viele Zebrastreifen am Boden waren. Wir stellten uns auf die Startlinie und der Rennleiter erklärte die Strecke. „Bitte bleiben sie ausschließlich auf dem rot bemalten Radweg, der extra für uns gesperrt wurde.“ FUUUCK…. und pünktlich 2 Minuten vor dem Start setzt der Regen ein. FUUUCK… ich fing innerlich an zu verzweifeln und wieder war ich an so einem hoffnungslosen Punkt an dem ich mich fragte: „Warum passiert so eine dumme Scheiße immer ausgerechnet mir? Warum muss ich an so einem tiefen Punkt immer noch eine zusätzlich auf die Fresse bekommen?“

Weinen hilft aber nichts. Es gab 8 Runden zu bewältigen und ich lief los. Keine Chance schnell zu laufen, denn die rote Farbe war wie Glatteis in Verbindung mit diesen Schuhen und dem Regen.
Meine einzige Alternative waren nun auf die Schuhe zu wechselne, die komplett ungeeignet waren, um eine lange Strecke zu laufen. Sie waren aber nicht rutschig. Auf Glatteis laufen kostet mehr Energie als mit unpassenden Schuhen zu laufen und so tauschte ich die Schuhe nach der ersten Runde und lief innerlich weinend wieder los. Ich wusste, dass mir bald alles weh tun würde.
Normalerweise hatte ich hatte immer 2 Paar Schuhe griffbereit aber ausgerechnet, wenn dieser Notfall eintritt, habe ich genau daran nicht gedacht. „Warum passiert so eine Schieße immer mir?“ fragte ich mich wieder verzweifelt, aber ich nahm es wie ein Mann, stand auf, wischte die Tränen weg und rannte wieder los. Jammern bringt einen nicht ans Ziel…
Ich wurde immer langsamer und brauchte für den Marathon ca. 4 Stunden und 50 Minuten – also fast eine Stunde länger als ich normalerweise für einen Easy-Marathon benötigen würde, was wirklich sehr langsam ist. Ich wollte teilweise gehen, aber dies tat mehr weh, als langsam in der Laufbewegung zu bleiben und so kämpfte ich mit dem Gedanken: „Nur noch den Marathon hier und morgen kann ich einfach mit den Langsamen gehen… nur noch diesen Marathon – dann kommt Miami und es ist geschafft.“
Ich dachte immer nur an die nächste Kurve, die nächste Gerade, die nächste Verpflegungsstation und niemals an die ganze Strecke. Ich zählte die Runden und unterteile die Strecke in immer kleinere Abschnitte und sagte mir immer: „Bis dahin geht es noch – noch 100m und dann schauen wir, wie es weiter geht und immer weiter so.“
Obwohl ich gelitten habe und noch nie im Leben so ausgelaugt war, will ich auf keinen Fall Mitleid schinden. Ganz im Gegenteil – dieses extreme Gefühl von ausgelaugt und am Ende zu sein ist genau das, was ich suche. Man kommt da nur hin, wenn man seine Grenzen weit überschreitet. Man kann das nur fühlen, wenn man sehr viel weiter geht, als man glaubt gehen zu können.
Die wenigsten Menschen werden jemals im Leben an so einen Punkt kommen – es ist aber genau das, was ich wollte, und jetzt war ich hier. Es ist unangenehm und man stellt sein Leben und seine Ziele in Frage.
Man kämpft mit seinem inneren Schweinehund, weil all das freiwillig ist und man jederzeit aufgeben könnte, aber das sind die Momente, in denen der Champion entsteht, der bei zukünftigen Herausforderungen im Leben keine Angst mehr haben wird, zu scheitern, sondern wie ein gewaltiger Fels in der Brandung stehen wird weil es nichts mehr gibt, das ihn besiegen kann. Es formt einen Mann auf eine Art, die man in keiner Schule lernen kann.

Junge Männer sollten solche Erfahrungen machen und dann immer weiter gehen und einmal erleben, zu was sie im Stande sind. Wer so etwas durchgestanden hat, wird keine Angst mehr im Leben haben – er wird mit einer ganz anderen Naturgewalt an seine Herausforderungen heran gehen.
Wer seinem inneren Schweinehund in so einer Situation immer noch die rote Karte zeigt und weiter machen kann, wird im Leben unschlagbar. Ich wünschte, ich hätte das schon sehr viel früher in meinem Leben erkannt und erleben können.

Heute wirkt sich das bei mir so aus, dass ich inzwischen keine Angst mehr vor dem Scheitern habe. Ich weiß, dass ich alles tun, haben und sein kann, was ich will. Ich muss nur naiv genug sein, dran glauben zu können und hart genug, es diszipliniert durchzuziehen. In dem Moment, wo ich etwas will, bin ich eine Naturgewalt und bekomme das, was ich will!
Ich gehe an meine Dinge heran und weiß, dass ich mein Ziel erreichen werde, wenn ich es will und die Disziplin aufbringe, alles zu tun, was dafür notwendig ist. Es macht mich unschlagbar, weil ich an Punkten weiter machen werde, an denen sonst jeder aufgeben würde. Deshalb mach ich das – deshalb ist es ok, dass ich im Moment leide und kämpfe, denn hier entsteht gerade ein neuer Teil in mir, den ich als Naturgewalt bezeichnen kann.
Ich habe es ins Ziel geschafft, ruhte mich wieder etwas aus und am Flughafen hatte ich dann Glück. Wir hatten etwas Zeit und ich fand einen Laden, der frische Pasta mit viel Fleisch und Knoblauch hatte. Ich bestellte 2 Portionen und es war unglaublich gut und tat auch sehr gut. Ich spürte direkt danach, wie wieder Leben und Energie in meinen Körper strömten und war bereit für die letzte Etappe.
Miami
Nach Miami flogen wir das letzte mal mit unserem Flugzeug, das inzwischen unser zu Hause geworden ist. Unser Wohnzimmer und unser Schlafzimmer – es war unser Lebensraum zwischen Laufen, Busfahren und Flughafen. Der Flug war nicht mehr lange und so bekam ich weder den Start noch die Landung mit, weil ich tief und fest schlief.
In Miami kamen wir am Abend an und der Start war um Mitternacht geplant, aber es gab eine Ankündigung. Es war kalt in Miami – bitterkalt. Es war die kälteste Nacht in Florida seit 1904 und rate mal, welches verschwitzte Shirt ich wieder herauskramen musste?
Richtig – das Shirt, in das ich in der Antarktis und in Madrid schon hineingeschwitzt hatte und das seither wieder in allerhand Temperaturen in dem Plastikbeutel mit all seinen Bakterien und vermutlich schon Schimmel dahin gefault ist.
Ich hatte sonst nichts, das ich tragen hätte können und so sprühte ich wieder Deo drauf und zog es an. Es war eklig und grausig und ich verstehe jeden, der jetzt einen Würgereiz bekommt, aber ich war so kaputt, ausgelaugt, müde und fertig, dass es mir egal war. Ich musste jetzt wieder an den Start und es war mir egal, dass der Eine oder Andere ein wenig Abstand von mir nahm.
Dieses Shirt war wieder einmal so ein Beispiel dafür, dass man alles penibel planen kann und an alle Eventualitäten denken kann und doch etwas schief gehen wird. Niemals hätte ich gedacht, dass es an 2 weiteren Orten so kalt sein kann und selbst der Wetterbericht vor der Abreise zeigte keine solchen Anomalien im Wetter.
Es galt wieder einmal Folgendes: „Ich hatte einen Plan und Gott fing an zu lachen..“
Es war also kalt in Mimi – sehr kalt. Es war die Nacht, in der Leguane von den Bäumen fielen weil sie erfroren sind – vielleicht hast Du es damals in den Medien mitbekommen. Ja, genau diese Nacht und es war wirklich saukalt und wir mussten zu Mitternacht an der Strandpromenade entlanglaufen, wo wir ständig starken Seitenwind vom Meer hatten. Zum Glück fand ich auch noch Handschuhe und die Mütze, so dass ich wenigstens gut verpackt war, und so stellten wir uns an die Startlinie und liefen los.
Schnell verteilte sich das Feld und ich lief einsam meine Runden. Ich fühlte mich aber gut und lief relativ schnell. 4 Runden galt es zu bewältigen und irgendwie lief es 3 Runden lang gut dahin. Dann ging es plötzlich schnell bergab. Auf einmal wurde ich von einem Läufer überholt, den ich zuvor noch überrundet hatte und ich sagte: „Nein, das kann nicht sein, dass Texas (so nannte ich ihn, weil er aus Texas kam und einen Hut getragen hat) mich überholt.“
Ich riss mich zusammen und klemmte mich auf den letzten 9km an ihn dran. Ich sagte ihm, dass ich hinter ihm bleibe und nicht mehr reden kann, und so torkelte ich hinter ihm mit einer 7er Pace dahin.
Zwei Läufer aus Belgien waren immer einige hundert Meter hinter mir und ich wollte vor ihnen ins Ziel kommen. 500m vor dem Ziel schleppten sie sich an mir vorbei. Eine 6:50er Pace hätte gereicht, um sie hinter mir zu lassen, aber es ging nicht mehr. Ich hatte seit 20km eine steinharte Wade, die noch 4 Wochen lang weh tun sollte und am anderen Bein die Achilles Sehne, die mich nur noch humpeln ließ. Ich musste sie ziehen lassen.
Mein Körper hielt aber durch und irgendwann kam die letzte Kurve und das Ziel und ich hatte es geschafft. 7 Marathons in 7 Tagen auf 7 Kontinenten – done.
So viele Stunden intensives Training, so viel gelitten, so viel gelaufen und so viel gelernt und jetzt stehe ich im Ziel und habe eine der Härtesten Veranstaltungen der Welt im Laufsport geschafft!

Es war kalt und windig und es war außer der Crew niemand da, den ich kannte und so wollte ich nur noch schnell ins Hotel, duschen und in ein normales Bett liegen. Ich nahm ein Interconti Hotel, von dem ich wusste, dass sie sehr gute Betten hatten, ließ mich hinfahren und stand in meinem Shirt, stinkend wie ein Büffel und meiner Laufkleidung, an der noch meine Startnummer hing, um 5 Uhr am Morgen in einem Luxushotel. Ich denke, die waren kurz davor, mich rauszuwerfen… zum Glück taten sie das aber nicht.
Dann kam ich ins Zimmer, stellte mich in die Dusche und legte mich ins Bett. Ich fing an zu realisieren, was ich erlebt hatte und was ich geschafft hatte. Ich erlebte wieder diesen Moment der unendlichen Glückseligkeit – diesen unglaublichen Moment, in dem alles zusammenkommt. Ich war stolz auf mich, auf was ich geleistet und geschafft hatte und war so froh, diesen unglaublichen Moment allein in Ruhe in vollen Zügen genießen zu können – so konnte ich meinen Freudentränen hemmungslos freien Lauf lassen.
Diese Momente von Glück kann man nur erleben, wenn man weit über seine Grenzen gegangen ist und sehr viel mehr Schmerz und Anstrengung auf sich genommen hat, als man es selbst überhaupt für möglich gehalten hat.
Es ist die Belohnung, die man nur verstehen kann, wenn man es selbst erlebt hat, weshalb ich es auch nicht weiter beschreiben kann. Noch heute kann ich mich zurücklehnen, mir den Moment vorstellen und dieses Kribbeln durch den Körper und das unglaubliche Glücksgefühl jederzeit wieder erleben. Es ist derart intensiv, dass ich keine Worte dafür habe – es ist einfach unglaublich.
Wenn man mich fragt, ob ich glücklich bin, stell ich mir solche Momente vor und kann ganz überzeugt sagen: „Ja, ich bin glücklich.“
Ich habe das alles freiwillig gemacht und hätte jederzeit aufgeben oder aufhören können und es gab jeden Tag 1000 gute Gründe, die jeder verstehen würde ABER: Meine Ausreden interessieren niemanden! Niemand auf der Welt interessiert sich für Aufgeber.
Generell ist es so, dass jeder Mensch mit sich selbst beschäftigt ist. Man darf sowas auf keinen Fall tun, um Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu bekommen – das wird es schlichtweg nicht geben. Wenn man aber ein Aufgeber ist und versucht sich zu rechtfertigen, indem man 1000 Gründe erklären will, finden bestenfalls negative Gönner ihre Bestätigung.
Deshalb kann ich behaupten: Ich habe das für mich gemacht – für diese Momente von grenzenlosem Glück und dass ich diese Momente jederzeit wieder in meine Erinnerung holen und erleben kann… nur dafür habe ich das gemacht und nur dafür werde ich mir auch wieder neue Ziele im Leben stecken. Nur für dieses Gefühl, denn dafür lohnt es sich, all das auf mich zu nehmen!
Fragt man mich, was ein glückliches Leben ausmacht, habe ich eine klare Antwort dafür, die ich in ein einziges Wort fassen kann: „Wachstum“
Was wächst, das lebt und was wächst ist glücklich. Ob man eine Firma aufbaut, Briefmarken sammelt oder Sport betreibt. Solange alles wächst und man ein großes Ziel verfolgt, ist man glücklich. Egal wie groß eine Firma oder eine Sammlung oder sonst etwas im Leben ist: Wenn man persönlich wächst, und an Zielen arbeitet, die einem einen Sinn geben, sie zu erreichen, wird man zufrieden sein und hat die größte Chance darauf, glücklich zu sein.
Es ist nie das Ziel, sondern der Weg. Das Ziel ist der Endpunkt, an dem man etwas Neues finden muss, weil man sonst unglücklich wird. Wer immer nur am Ziel sein will, wird es im Leben schwer haben. Das Glück liegt am Weg, auf dem man an seinen Herausforderungen wächst. Wer wächst, ist glücklich!
Deshalb müssen Ziele immer unrealistisch groß sein. Wenn man am Start schon weiß, dass man sein Ziel erreichen wird, wird man nichts lernen. Man wird nur abarbeiten und kein Glück erfahren. Nur wenn man vor scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen steht und sie bewältigt, wird man wachsen, zufrieden sein und vielleicht diese einzigartigen Momente des grenzenlosen Glücks finden. Wer nicht bis kurz vor der Ziellinie Zweifel hat, hat sein Ziel zu klein gesteckt und Potential verschenkt.
Das ist mein Geheimnis für ein Glückliches Leben… ob es für Dich auch so ist, kann ich nicht sagen, aber zumindest hörst Du es von jemandem der von tiefstem Herzen sagen kann, dass er diese Momente inzwischen an mehreren Stellen im Leben gefunden hat und eine Gewisse Erfahrung in seinen Aussagen mitbringt.
